Es gibt einen Todes- und Verlustschmerz, der so tief trifft, daß danach alles verwandelt ist. Nicht zum Guten. Er hinterläßt eine entleerte Wirklichkeit, ein schattenhaftes Weitermachen. Wir tun nur so, als ob wir leben. In Wirklichkeit sind wir seit Jahrzehnten tot. (Kann man den Zahn noch retten?) Sieh nur den Baumstumpf, aus ihm treiben Zweige. Ich stamme aus einer Familie, die vom Tod heimgesucht wurde. Wenn ich durch die Straßen laufe, mag das wirken, als sei ich ganz und gar dabei. Wobei denn? Aber das stimmt nicht. Ich lebe wie in Trance, drogenfrei. Kaffee schießt mich in den Tag, Bier macht mich müde. Was soll ich tun, halbtot seit einer Ewigkeit, herumgespensternd wie ein augenleerer Idiot, schneetastend, eisblind. Wenn irgend jemand sich seine Wahrheit erzählte, hörte sogar Gott zu. Ich versuche das zu tun, möchte schräg und verstimmt singen. Nicht Gott soll zuhören, dem traue ich nicht. Es mag zuhören, wer mag. Es ist Februar, ich reinige meine Seele. Der Toten sage ich, daß ich noch zu tun habe.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.