Weißes Werk

Früher hielt ich den Schnee für ein Werk. Landschaftskunst. Ein poetischer Akt der Verwandlung. Wenn es nicht zu spät war, lief ich hinaus auf die Felder Richtung Wald. Oft war es bereits zu spät – in meiner Erinnerung an die Kindheit schneit es zur Abendbrotszeit. Also sprang ich in den Hof und stellte mich dort für einige Augenblicke in den Flockenwirbel. Was für ein Jubel. Auch meine Eltern freuten sich – mein Vater sagte, es sei doch schön, so ganz allmählich einzuschneien: Dann müssen wir morgen nicht zur Arbeit und nicht zur Schule. Derart viel Schnee fiel aber nicht, und wenn es am nächsten Tag bereits wieder zu tauen begann, war ich enttäuscht und dachte: Das lohnt doch gar nicht. Ich hielt den Schnee für ein Werk und wünschte ihm Dauer. Seine Schönheit sollte lange leuchten. Eine Schneelandschaft ist das Werk eines unbekannten Künstlers, eine Übermalung in weiß, deren Aussehen sich ständig verändert und zum Verschwinden gebracht wird. Als sei sie nie gewesen. Schönheit hat zunächst einmal nichts mit Dauer zu tun. Es gibt aber eine Schönheit des Dauerns.


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