Steine brechen in Papier

Ciorans Notizen liegen griffbereit, ich greife in sie wie in ein Kompendium des abseitigen Wissens, wie in einen Lotterietopf. Manchmal geschieht das willkürlich, manchmal geplant. Seite 550, da steht mittig: „Weisheit ist eine Feigheit, welche dich nicht komprimittiert. Der Weise ist der Einzige, der Feigheit und Würde zu vereinen weiß.“ Eine Seitenwendung weiter steht, wieder halbwegs mittig: „Auf Erden haben nur die Gescheiterten das Wesentliche gestreift.“ (552) Was soll ich noch wissen? Ich greife scheu oder beherzt in die tausend Seiten und lande auf 736: „Der Fanatismus ist der Tod des Gesprächs.“ Darunter: „Ich lese gerade ein Buch über Franz Jägerstätter, diesen österreichischen Bauern, der sich Hitler gegenüberstellte und den man hinrichtete, weil er ablehnte, Waffen zu tragen.“ Dazu auch Terrence Malicks Film, Ein verborgenes Leben (A Hidden Life, 2019). 737: „Die Stoiker haben theoretisch Recht. In der Praxis spricht alles gegen sie. Von morgens bis abends beziehen wir Stellung für oder gegen die Dinge, für die wir nichts können. Das ist das ‚Leben‘, ein verrückter Versuch, aus unserer Ohnmacht auszubrechen; das ‚Leben‘ ist der gewollte und zugleich unausweichliche Lauf auf … (Das Telefon hat gerade geläutet, und ich habe vergessen, was ich sagen wollte.)“


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