Streichhölzer

Menschen sind erstaunliche Wesen. Ich könnte ihnen stundenlang zusehen, wie sie tun was sie tun. Nicht zwei Menschen gehen auf dieselbe Weise, die Fingerabdrücke sind aussagekräftig. Morgenrituale: Spiegelblick, Verrichtungen am Körper, Kleiderwahl. Brot oder Brötchen. Welches Brötchen? Süß oder salzig. Kann morgens nur Kaffee trinken, essen erste gegen elf. Jemand haßt bedruckte Bettwäsche. Warum gleich hassen? Das sind doch Menschen, sagte Gottfried Benn, der in Schöneberg abends gern zwei drei Bierchen in einer Kneipe um die Ecke zu sich nahm, aber sehr darauf achtete, am eigenen Tisch etwas abseits vom Gerede zu sitzen. Von dort beobachtete er die Leute und hörte zu, was sie sprachen. Ich bestaune die lässige Gewandtheit der nicht mehr ganz kleinen Jugendlichen – wie sie Geräte bedienen können und Gegenstände bugsieren und sich selbst dazu verhalten. Da deutet sich Meisterschaft an, auch wenn sie noch ein bißchen gespielt wirkt. Die Überbetonung wird schwinden. Ich war genauso, ich verstehe das gut. Lässig heißt cool oder umgekehrt. Sich nicht beeindruckt zeigen, da man so furchtbar beeindruckbar ist. Mit den Jahren lernt sich dann das Gegenlesen. So versteht man richtig. Die vermeintlich Schüchternen sind die mit großem Mut.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Streichhölzer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert