Kirchenmäuse

Zwei Minuten Wartezeit im U-Bahnschacht auf dem Mittelstreifen zwischen Richtung Rudow und Richtung Rathaus Spandau. Die Wandfliesen sind entfernt worden, die Decken wurden entkleidet, es fehlen Fahrtrichtungsanzeige und Abfahrtzeiten. Keine öffentliche Uhr zeigt an, wie spät es ist im Untergrundbahnhof Yorckstraße. Ein Aufgang ist gesperrt. Der Wind faucht mir entgegen, wenn ich ans Tageslicht will. Nun befinde ich mich auf dem Rückweg, bin hinuntergestiegen zu den Verlassenen und Aufgegebenen dieser vernichtenden Stadt. Über Stanniolpapier gekrümmte Gestalten, die einmal bejubelt worden sein mögen, als sie „das Licht der Welt erblickten“ oder die Gewißheit verkörpern sollten, daß es weitergeht: mit dem Leben und allem, was sich ihm anheftet, krümeln ihr xfach gestrecktes Heroin darauf, halten Feuer drunter und ziehen den aufsteigenden Dampf durch ihr Kinderpusterohr, ein Röhrchen aus Metall oder Plastik, zur Not tut es ein zusammengerolltes Stück Papier, tief in die gute alte Lunge, die noch mitspielt und die inhalierten Stoffe treu und brav weiterleitet zu den Rezeptoren. Da kommt die gute gelbe Bahn gerattert, vorher habe ich zwei Mäuse um die nackten Säulen und den Baucontainer flitzen sehen und mir vorgestellt, wie es sein muß, als Maus zu leben und dauernd aufgeregt zu sein, zu zittern, hin und her zu huschen, immer auf der Furcht vor dem tödlichen Schlag. Schon waren sie unter dem Container verschwunden, als hätten sie etwas bemerkt. Sie gehörten zusammen, verschwanden im selben Spalt.


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