Die (verrohten) Sinne

Wenn es knistert, brennt oder explodiert, sehe ich nicht hin. Irgendeine Katastrophe, denke ich und gehe weiter. Irgendwer wird irgendwen nicht gemocht haben oder sogar gehaßt. Dann ist es zur Tat gekommen. Sie läßt mich nicht gleichgültig, aber ich weiß auch nicht, was bemerkenswert daran sein soll. Bemerkenswert ist, wenn die Leute sich in Frieden lassen. Wenn sie einander nicht bekehren oder überzeugen, sondern gekonnt aus dem Weg gehen. Wer sich interessiert, wird Geschichten hören mögen oder fragen. Woher kommst du, wer bist du? Ansonsten leben wir nebeneinander her, und ich erkenne nichts Schlechtes darin. Seit langem habe ich mir angewöhnt, in die Gesichter und Augen zu schauen, und so habe ich meine Verbündeten. Menschen erkennen einander, wir können das. Der hochgestochene Verständigungsmoralismus langweilt mich. Ich selbst wäre ungern jemand, mit dem man sich unterhält, um damit etwas zu beweisen. Wenn zwei Autos zusammenkrachen, gibt das einen Laut, der schwer in Worte zu fassen ist. Ich bin gegen Autounfälle. Trotzdem kracht es. Ich bin gegen Anschläge und kann sie meinetwegen auch noch verurteilen. Aber wenn ich das ausdrücklich tue, suggeriere ich bereits oder folge der Suggestion, es verstünde sich nicht von selbst, dagegen zu sein. Über solche Suggestion folgen wir den Tätern in die Bürgerkriegslogik – wohin sie uns haben wollen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Die (verrohten) Sinne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert