Das Wichtigste des Tages

„Müde. Ich bin so legendär und monumental müde, daß es phantastisch ist. Ich werde mich ausstrecken und schlafen, tiefe hundert Jahre lang schlafen.“ Das schrieb ich unter dem Titel Versinken vor einem Jahr, am 12. März 2020, auf diesen Seiten. Ich schreibe demnach jedes Jahr dasselbe, wechsle nur unwesentlich die Worte. Siehe unten! – Ach, das beruhigt mich. Es hilft mir durch diese schweren Tage, die an mir reißen und mich verwunden. – Als ich heute mittag die breite Straße hinunter zum Platz des goldenen Tanzes lief, fuhr mich ein kalter Nordwestwind an und griff mir unter die Jackenschöße, daß sie aufflatterten wie die Schwingen eines marineblauen Vogels, der kurz davor ist, das Element zu wechseln. Straße, Platz und Verkehr von oben betrachten, platznehmen auf dem Kaufhausdach, ein paar Schreie ausstoßen, dann woanders hin und auch dort etwas von mir geben. Wichtigwichtig. – Tatsächlich dachte ich: Vorsicht, das wird ein harter Tag. – Yorckstraße-Großgörschenstraße: Durchsage, daß der Zugverkehr zwischen Anhalter Bahnhof und Oranienburg wegen eines Polizeieinsatzes unterbrochen ist. Richtung Wannsee fuhr die Bahn, ich hatte Glück. – Manche können nicht mehr, die springen vor den Zug. – Ich lese nur selten noch die Nachrichten und Meinungen zum aktuellen Virus-Geschehen und dem, was daraus erfolgt oder erfolgen soll. Was ich mitbekomme, macht mich müder, als ich ohnehin schon bin. – Später am Tag sagte dann jemand etwas sehr Kluges zu mir: Carpe diem! Wir leben jetzt. Es geht darum, jetzt gut zu leben, unter genau diesen Umständen – und nicht darauf zu warten, bis es endlich besser wird – denn das kann noch dauern.


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