Handbewegung 2

Immerhin ist wichtig, daß der Tod zum Leben gehört – nicht bloß als Antagonist. Der Tod limitiert und definiert alles Leben. Tod ist der Hintergrund, aus dem wir kommen und in den zurücktritt, was seinen Auftritt hatte. Backstage. Kein Publikum oder Rampenlicht, wenig Applaus. Wer dort angekommen ist, hat es geschafft, muß nicht noch einmal nach vorn ins Scheinwerferlicht, anschaffen gehen oder einen Text aufsagen, als sei es der eigene. Auch die Handbewegungen entfallen. Der Besitzdrang ist ausgeschaltet, die Gier zerstäubt. Man kann tun und lassen, was man will. Keine Urteile mehr, keine Reue. Die Ambitionen sind verblasen, die Pläne Geschichte; das einstmals eigene Antlitz ist eine Larve, trocken wie Pergament. Kein Logenplatz mehr – man sieht die Lebenden nicht. Zwischen hinten und vorn hängen Vorhänge und stehen Wände, und ich (der ich vorn stehe und noch lebe) kann mir nicht vorstellen, daß sich die Toten für uns interessieren. Wir brauchen doch sie, nicht umgekehrt. Das denke ich auch, wenn ich an diesem Grab stehe. Trotzdem streiche ich über den harten und kalten Stein, als sei das ihr Haar.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Handbewegung 2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert