Das bin ja ich

Es gibt ein Schreiben aus der Reserve, dem Abstand der Betrachtung und des gesicherten Wissens. Es gibt aber auch ein Schreiben der Abstandslosigkeit und permanenter Annäherung – bis dorthin, wo es unangenehm wird, und noch darüber hinaus. Vor drei Jahren machte ich eine Erfahrung (Erfahrungen werden „gemacht“) – da sollte ich jemand anderes sein: ein kleiner Junge, immerhin elf oder zwölf Jahre alt, und ich sollte um meine Mutter bangen, denn die lag krank im Bett und war außerstande, sich um mich oder sonstwas zu kümmern. Das Setting, in das ich gesetzt wurde, sah vor, daß ich nun als dieser Junge würde sprechen dürfen, mit einem Erwachsenen, der mein Helfer war, ein Therapeut. Der befragte mich zu dem, was ich fühle und fürchte. Und ich war dieser Junge, als ich sprach. Wir können also, überlegte ich später, als ich aus dieser Spielsituation entlassen war, jederzeit in eine andere Menschensituation und in einen anderen Menschen schlüpfen, und zwar ohne sondere Mühe. Es ist in uns, andere zu sein. Es hat mich vor drei Jahren nicht aus der Bahn geworfen, solches zu erfahren. Aber es zu durchleben ist etwas anderes, als nur zu denken, daß es so ist. Man soll sich mit seinem Denken nicht zu vornehm machen, lieber ab und an heruntersteigen in die Gefühle und Angstgebilde anderer. Die sind interessant, also bemerkenswert, und nicht nur zu bemerken, sondern auch zu untersuchen und zu unterscheiden. Denn das bedeutet doch verstehen.


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