Wissen, wann es genug ist

Freitagabend. Ich komme nach Hause, stelle meine Tasche in die Ecke, setze mich und atme tief durch. Eine Arbeitswoche ist beendet und mit dem heiligen Sonntag wird eine weitere Woche meines einzigartigen Lebens enden. Die Knochen schmerzen nicht, aber ich spüre sie. Vielleicht sind es auch nur die Muskeln, die sich bemerkbar machen. Fast fällt es schwer, den Arm zu heben. Ich bin müde, doch will ich nicht schlafen, nicht um 22 Uhr.

Auf der Heimfahrt sah ich den fernen Mond am nachtblauen Himmel, bald ist Vollmond. Ich saß in der Schnellbahn und hörte Keith Jarrett im Trio mit Jack DeJohnette und Gary Peacock, Standards Vol. 1, So Tender. Das Paar hinter mir mit dem vielen Gepäck hatte schon einen im Tee, sie stritten laut und gerieten in die Musik.

Eine Arbeitswoche am Bildschirm mit Zoom-Meetings ist eine subtile Form der Folter. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, damit ist das Beste und Schlimmste gesagt. Wir können den Ausnahmezustand noch fünf Jahre durchhalten, dann nennen wir ihn den Dritten Weltkrieg und wissen zugleich, daß wir uns schämen sollen.

Ich kenne Leute, die sitzen seit einem Jahr im „Home-Office“ und machen mittags einen Spaziergang um den Block, um anschließend dorthin zurückzukehren, wo niemand mit ihnen spricht und niemand sie erwartet, außer den Bildschirmgästen, die dienstlich erscheinen und wieder verschwinden. Sie sind dermaßen „professionell“, könnten Astronauten/Kosmonauten werden und auf einer Raumstation Dienst versehen. Ich bestaune und bewundere sie sehr.

Auch ich sitze allein in einem Raum und spreche in den Bildschirm. Aber ich kann zwischendurch einen lebendigen Menschen sehen und kurz auch sprechen (Distanz und Maske auf). Das ist schon viel. Das ist erste Wirklichkeit, zeiträumliche Verbindung, eine Wohltat. Wochenends gehe ich spazieren oder unternehme kleine Wanderungen und betrachte den Himmel und die Wolken. Immer was los dort oben. Unten fegt der Wind, dieses verrückte Kind, oben liegen die Wolkenschiffe still und schwerelos im Himmelsblau.

Eigentlich möchte ich weinen, manchmal, aber es kommt mir so pathetisch vor. Ist doch nur Krise, ist doch nur Pandemie. Fast alle überleben. Nur werden sie unglücklich, werden zu Alkoholikern, werden fett oder bringen sich um. Wer kümmert sich noch um Depressionen, wenn sie einen Allgemeinzustand beschreiben. Depressive sollen Impfpriorität erhalten, las ich gestern oder vorgestern oder vor einem halben Jahr (Zeitunterscheidungen sind unwesentlich geworden, sie beschreiben nichts im Immerda der sozialen Distanz und des schleichenden gesellschaftlichen Todes). Ich mußte lachen, gestern oder vor einem Jahr, denn dann müssen alle schleunigst gepiekst werden. Als ob Impfen gegen Depression hilft – wundergläubiges Gemurmel.

Eine Gedenkfeier für die Verstorbenen hat es gegeben – auch davon habe ich gehört, vor ein paar Tagen oder Wochen muß die gewesen sein. Man müßte auch eine für die Überlebenden veranstalten – daß sie das aushalten und mitmachen, gegen jede Wettwahrscheinlichkeit. Das ist ehrenwert und nobel. Da man aber weiß, daß Menschen in aller Regel nicht zu ehrenwerten und noblen, also selbstlosen Taten neigen, läßt sich denken, daß Druck notwendig war und aufgeboten wurde. Einsicht war vorhanden, die schon.

In diese Gemengelage aus Depression, Anordnungsdruck, Einsicht, Erschöpfung und stumpfer Gewohnheit hinein wird eine „Bundesnotbremse“ installiert, damit der Zug der sechzehn Bundesländer nicht entgleist. Androhung von nächtlicher Ausgangssperre, wie im Krieg (siehe oben) oder Bürgerkrieg – das soll was bringen. Kontakte reduzieren, heißt es. Welche Kontakte – ich habe kaum welche (siehe oben).

Laßt die Leute in Ruhe! Sie sind fertig, seht euch doch mal um. Wie kaputt ist es, denen, die seit einem Jahr artig und brav alles mitmachen, was angeordnet und beschlossen wurde, nun wie einer Schulklasse die Leviten zu lesen – von oben herab und schulmeisterlich. Das habt ihr nun davon – wir haben euch doch gesagt, ihr müßt unter hundert kommen. Die Schulklasse schafft aber nur 160. (Besser vielleicht in der Mehrzahl: die sechzehn Schulklassen schaffen es im Schnitt nur auf 160.) Strengt euch also an, dann dürft ihr auch nachts wieder raus und könnt so tun, als sei das bereits leben.

Was also tun? Aufhören, sie (die Leute) wie Schulkinder zu behandeln. Aufhören, ihnen auf die Ohren zu schlagen und in die Augen zu stechen. Aufhören mit dieser Volkserziehungspropaganda, dieser entsetzlichen Penetranz einer vulgär gewordenen Aufklärung, die abschreckend wirken soll und mit Strafmaßnahmen droht. Alle haben längst verstanden – noch einmal: längst verstanden. – Nein, noch nicht alle! meldet sich der Chor der Volkserzieher. – Besser man nickt und bestätigt: Ganz recht, nicht alle. Aber alle geht auch nicht, weil alle erreichen nur geht, wenn man eine Diktatur errichtet. Daher das Wort: totalitär. Dann kriegt man das hin. Dann machen alle mit, bis auf die drei Prozent, die nicht mal mitmachen, wenn man ihnen Arbeitslager, Zuchthaus oder Folter androht.

Was also tun? Verstehen, daß es besser nicht geht. Nicht durchdrehen – sehen und verstehen. Die Leute nicht tadeln und von oben herab behandeln, sondern mit ihnen sprechen und auch dann zuhören und nicht verunglimpfen, wenn sie etwas sagen, das anders ist als das, was man für sich selbst herausgefunden hat. Ist ganz leicht und macht sogar Freude. Haßabbau ist großartig. Also mal hübsch herunter vom hohen Roß der eigenen Überlegenheit und fort mit dem Bildungsdünkel.

Nun ist es 23.10 Uhr und der Kopf ist immer noch voll von all dem Zeug, das mich beschäftigt hält, obwohl ich ruhen sollte und schöne Träume träumen möchte. Immerhin schlafe ich gut, Nacht für Nacht. Kaum Alpträume. Nur manchmal etwas Blut oder ein abgerissenes Gliedmaß. Einiges geht dann in die Texte hier. – Nein, am schlimmsten sind die Nächte, wenn ich wach bin und zu schreiben beginne. Dann kommt sonstwas. Ungute Gefühle, schlimme Gedanken, Notwehrtexte. Ja, ganz recht, ich will leben und nicht nur vegetieren. Wie andere auch halte ich mich an die Maßnahmen und Regeln, aber ängstigen soll man mich nicht und mir drohen schon gar nicht. Es wird wärmer, Leute, und ich freue mich auf den nahen Sommer.


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