Gemeinwesen

Das Wesen politischer Gespräche ist, daß sie spalten. Bereits als Kind konnte ich das verfolgen. Da saßen die Herren im Sonntagsstaat bei Zigarre und gehaltvollen Getränken in der guten Stube und diskutierten die Bonner Regierung, Schmidt-Schnauze und die Ambitionen des Franz Josef Strauß. Einer in der Runde sah aus wie ein Nachfahre Stresemanns und hatte ein Glasauge. Da er oftmals deutschnational aufpaukte, nannten sie ihn im Verwandtenkreis „Deutschland“. Deutschland interessierte sich vor allem für die Preispolitik des dörflichen Krämers und verglich sie mit der des Aldi-Marktes in der Kreisstadt. Er hatte sich präpariert und zog Prospekte aus der Anzugjacke, entfaltete sie ungeheurer Geste und trat seine Beweisführung an. Immer wieder tickte sein Zeigefinger auf die Stelle, wo der Preis einer Tafel Sprengel-Schokolade vermerkt war, und nannte dagegen den viel zu hohen und offenkundig überteuerten Preis des Kaufladens daheim für eben dasselbe Produkt. Es ging ihm nicht ein, daß Aldi ein Gigant und der kleine Kaufmann ein Zwergenkind ist. Für Deutschland zählte nur der Preis. Die anderen in der Runde waren etwas vernünftiger, wenn auch nicht zu sehr. Eigentlich fühlten sie mehr, als daß sie dachten. Sie fühlten konservativ, aber die rheinländisch-katholische CDU war ihnen nicht geheuer. Die Frauen nahmen nicht an dieser Zigarrenqualm-Runde teil. Sie saßen in der Küche beisammen und besprachen die Dinge des Dorfes. Es ging viel um Verwandtschaftliches, um versprochene Ehen und gebrochene Eheversprechen, um den Charakter der jeweils Beteiligten, um Verläßlichkeit und Anstand. Ich sauste von der Zigarrenrunde in die Küche und zurück, brachte Likör von hier nach dort und schnappte überall ein bißchen auf. Davon zehre ich heute noch. Hatten die Männer genug getrunken, gerieten sie in Streit. Die nüchternen Frauen schritten dann ein und zogen die Streithähne auseinander. Wir fahren jetzt schön nach Hause, sagten sie, und die Männer gehorchten, wenn auch widerwillig.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Gemeinwesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert