Wund vom Sterben, taub vom Gerede

Das gesellschaftliche Gerangel und Geschubse fällt mir auf die Nerven. Positionen, Ränge, Gratifikationen. Wer mit wem und wann. Von mir aus können die Engel Frösche begatten und die Affenpinscher sich ins Aquarium werfen. Nur zu, der Irrtum wird sich herauszustellen wissen. Irgendwer will irgendwo Vorstand werden – soll er doch. Der Weltpräsident braucht noch eine Villa am Bodensee – sammeln wir für ihn. Dies sind die Gehälter unserer Abgeordneten, hinzu kommen Spesen etc. Soll mich das neidisch machen? Ich beneide sie in keinen Atemzug meines eigenen kostbaren Lebens, bestaune sie vielmehr wie seltsame Wesen. Mir fehle der Ehrgeiz, sagte man mir. Ja, das stimmt. Er kam mir abhanden während der Pubertät, als ich erkannte, wie simpel alles ist. Wenn es derart einfach ist, schloß ich messerscharf, muß ich es mir schwer und unerreichbar machen, damit es etwas wert ist. Auf solche Weise überhöhte ich das Leben, um es erträglich zu finden. Man wird das leicht verstehen. Ich glaube sogar, daß es einigen so geht. Und wenn ich sterbe, wird mein Gedanke sein, daß das Leben hätte schön sein können, wenn nicht diese Falschen überall gesessen hätten, mit ihren Fratzengesichtern, ihrem geölten Charme und den lügenhaften Sätzen, stets halb richtig, also falsch. Ach, ich atme tief durch. Da ging gerade ein Wind, und die Wohnung atmete durch ihre bebenden Vorhänge wie ein Wesen, das mich enthält.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Wund vom Sterben, taub vom Gerede

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert