Spät nachts ein Böller, von Westen her. Früher dachte ich, daß geschossen wird. Manchmal wird auch geschossen, nur bislang nicht dann, wenn ich höre. Ist es gefährlich in Neukölln, fragen selbst die, die nicht fragen. Was kann ich sagen, ich sage: nein. Wir leben hier. Ich lebe hier seit zwanzig Jahren, bin nur einmal umgezogen im Umkreis von zwei Kilometern, schätzungsweise. Ich kann hier leben, wie ich mag. Die Stadt ist groß, das Stadtviertel groß genug. Stürbe ich in meiner Wohnung, würde es ein paar Tage dauern, mich zu finden oder zu entdecken, daß ich gefunden werden müßte. Im Vorderhaus starb vor Jahren der alte Mann ohne Familie (wie ich dachte). Ich sah ihn manchmal spät nachts noch im Treppenhaus nach oben streben. Da kam er aus seiner Stammkneipe. Einmal wurde ihm im Hausflur aufgelauert, da nahmen sie ihm Geld ab und schlugen ihm ins Gesicht. Später dann starb er und wurde erst entdeckt, als die Feuerwehr alarmiert war, da es im Hausflur seltsam roch und er nicht öffnete, als geklingelt wurde. Ich habe geholfen, seine Überbleibsel zu entsorgen. Alles, was aus der Wohnung zu entsorgen war, roch nach Leiche und Tod. Ich fand ein paar Photos, schwarzweiß, Sechzigerjahre. Familie, Likör und Kippen, Krawatte und Frankfurter Kranz. Ich weiß nicht, wie er hieß. Seine Kinder wollen nichts von ihm wissen, wußte der Hauswart. Ich weiß nicht, wo er bestattet wurde. Ich würde hingehen, eine Blume auf sein Grab legen. Wenn wir uns begegneten, nickten wir kurz. Er starb vor etwa zehn Jahren. Eine Zeitlang habe ich die Photos aufgehoben, als hätte ich die Aufgabe.
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