Presspappe

Später einmal, in gar nicht vielen Jahren, wird es Studien über die Generation Angst geben. Woher sie kam und wohin sie führte.

Daß es gar nicht sicher genug sein konnte z.B. – und demnach immer noch sicherer werden mußte. Und daß es wirklich wichtig war, sich wirklich ganz sicher zu sein, bei allem.

Gurte, Helme, Rüstungen, Schilder, Vorabinformationen, Newsletter, Prüfsiegel, Gütesiegel, Selbstauskünfte, Schufa-Schalala, Trainingslager, Probestunden, Trockenschwimmen, Eignungstests, Video-Überwachung, Gesichtserkennung, Bewegungsmelder, Körperfunktionen-App, Versicherungen, Rückversicherungen, Präventionen, Interventionen, Subventionen, Hilfe.

Woher sie kam …

… aus der Vergangenheit kam sie, der eigenen und der kollektiven.

Kaputte Städte, ruiniertes Gewissen, nationale Scham, nationale Schande, ausgeräumte Landschaften, ausgeträumte Heldensagen, gemordete Seelen.

Brutales Bauen, Betonierung, Zementierung, Begradigung. Tod den Bäumen. Tod den Tieren. Terror des Neuen – das Alte töten. Weglaufen davor, fliehen.

Ich-Gespenster, zerrüttete Familien, hin- und hergeschobenene Kinder, konfektioniertes und portioniertes Glück, Erziehung zu Anpassung und Konformität, unaufhörlicher Meinungsdruck, Bekenntnisdruck, Hilfe.

Bloß nichts falsch machen, bloß keine Fehler machen, bloß nicht daneben treten, bloß nicht ausrutschen, bloß nichts Falsches sagen, bloß nicht falsch sein, bloß.

In diesem Irrgarten trieben sie herum und suchten nach Eiern. Schon gab es wieder Wölfe – oder waren das bereits Wesen mit Künstlicher Intelligenz.

Da sie nicht wußten, wer sie sind, fielen sie unaufhörlich nach vorn, im Sturzschritt wie Kleinkinder.

Dort vorn lag die Zukunft, da sollte sie liegen, das war versprochen worden, sie mußte also da sein, ein Heim neuer Ängste. Mit solchen Generationen konnte man alles machen, denn sie machten gut mit. Das hatten sie gelernt, immerhin das saß fest.

Es ist nicht eine, es sind viele. Generation Angst reproduziert und mutiert und lebt weiter. Insgeheim/unbewußt will sie Krieg. Angst treibt ihrem Wesen nach der Vernichtung zu und „arbeitet“ (tatsächlich arbeitet sie bis zum Umfallen) totalitär. Allein deshalb ist sie niemals harmlos.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Presspappe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert