Die Idee der leeren Mitte beschäftigt mich.
In sie, die erdachte Mitte, strebten einstmals die Kräfte der Polis, da sie vermuteten, es würden dort die Mehrheiten gebildet werden und zu finden sein. Mitte der Vernunft, vermittelbare Vernunft, Vernunft des Gemeinsinns und des Ausgleichs.
Nun erscheint mir diese Mitte, von der so oft geträumt und geschwärmt wurde, mit einem Mal geräumt. Als beträte kaum jemand den Marktplatz der Stadt und fände sich ein, wo geredet werden kann und muß.
Mich selbst zählte ich nicht in die Mitte, eher an den Rand: in ein Abseits, aus dem sich beobachten läßt.
Überhitzungen haben stattgefunden. Moral kocht auf und schäumt über. Gute Absichten gelten als gute Taten, Verlautbarungen als bewährte, bewahrte und gesicherte Positionen.
Ich höre gewisse Signale, aber keinen Aufbruch. Deutschneuland wird nicht stattfinden. In der Mitte steht der leere Thron (Heiner Müller). Die Mitte ist nicht die des Einkommens oder Besitzstandes, sondern eine Angelegenheit des Geistes, der Einsicht und der Vernunft.
Mitte ist Zentrum, nicht Mittelmaß oder Mittelstand. Auch nicht mittlerer Weg oder ermittelbare Zwischengröße.
Die eigene Mitte verloren – jeder kennt das. Sich dezentriert fühlen, derangiert und instabil. – Ich mag nicht behaupten, daß Gesellschaften personifiziert werden können. Sie sind Wesenheiten eigener Größe und Problematik.
Aber ich erkenne dieses Suchen und Nichtfinden in ihr (der Gesellschaft), ein Gären der Säfte und einen Drang nach Befreiung und Entkettung, zugleich eine Furcht davor und eine Vorsicht, die ihrerseits bange macht.
Wir laufen über eine schwankende Brücke und sehen nicht das Ziel. Es wurde uns beschrieben und ausgemalt, aber wir erkennen es nicht.
Wohin man auch geht, es sieht dort nicht aus wie gedacht.
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