Es wird viel kritisiert, oft zu Recht. Wahlen stehen an, das ruft bilanzierendes Denken auf den Plan. Auf den Mittelstreifen der vierspurigen innerstädtischen Fahrbahnen für den automobilen Individualverkehr sind großformatige Werbeplakate zu sehen: Stars und Parolen. Freiheit, Fortschritt, Wohlstand, Sicherheit, Gerechtigkeit, Klima, Bildung, Gesundheit, Deutschland in Europa. Noch zwei Wochen, dann werden sie wieder abmontiert. Echte oder künstliche Erregung wie zu einer Fußballweltmeisterschaft – soll man mitfiebern oder gelassen den Ausgang der Partien abwarten. Temperamentsfrage, überdies eine des Geschmacks. Ich liebe den Wahltag: die Stimmung im Wahllokal, die Luft in den Fluren; die republikanische Ernsthaftigkeit, die Akkuratesse der Wahlhelfer mit ihren Thermoskannen und Brotboxen auf oder hinter den Tischen; die konzentrierten Blicke auf die Wahlbenachrichtigung, die Überprüfung der Personalien; die feierliche Übergabe der Stimmzettel; das Warten vor der „Kabine“, die eigentlich nichts anderes ist als eine zu fünf Seiten geschlossene Box, in der ein Stift am Faden hängt, mit dem man die Kreuze setzt; das Einwerfen des oder der gefalteten Stimmzettel in den Schlitz des dafür vorgesehenen Behälters (Wahlurne genannt, der Endgültigkeit halber); der Abschiedsgruß an die unbekannten und verdienstvollen Helfer, der Weg durch die Flure der Schule oder des öffentlichen Gebäudes hinaus ins Freie eines Sonntagnachmittags; das Gefühl, seiner Pflicht nachgekommen zu sein, auch wenn die Wahlmöglichkeiten vielleicht nicht die erwünschten sind – doch für dieses Wahlrecht wurde gekämpft und gestorben, und diese Demokratie mag mangelhaft sein, reformbedürftig, streckenweise pervertiert, wurmstichig, angefressen von Interessen gewaltiger Akteure. Alles richtig oder in Teilen richtig, aber die Wahlen lassen wir uns nicht nehmen, selbst wenn sie angeblich nichts ändern. Wir werden sehen und lernen, was sie zu ändern vermögen.
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