Ein Tod, ein Leben

Als ich Kind war und in Kirchen saß, starrte ich zum Kreuz empor und wollte ihn abbinden oder losreißen. Einen Gekreuzigten derart auszustellen, schamlos, obszön, grell. Nicht nur eine Geschmacklosigkeit der christlichen Gefolgschaft, sondern eine Frivolität. Da waren Werbeleute am Werk, denkt man. Die wissen, wie man Aufmerksamkeit generiert. Im Winter war mir, als sollte ich ihm ein Jäckchen überlegen oder ein Handtuch auflegen. Wie ist es möglich, Jesus derart zu präsentieren, wie ein Belegstück, wie einen letzen und entscheidenden Beweis. Welcher Frevel hat uns vor mehreren hundert Jahren erfaßt, auf solche Weise mit einem Leidenden und einer Tragödie zu verfahren? Als gäbe es kein Schamgefühl mehr, als dürfe man fortan protzen mit eigenem Leid. Aber die, die einen solchen Jesus aufhängen, protzen mit seinem Leid und leiten daraus etwas für sich ab. Ich finde das unanständig.


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