Nachts schreibe ich die ungeschriebenen Texte. Geisterbücher. Rechenschaftsberichte aus einer Epochen-Phase reduzierter Sensibilität und irritierter Selbstwahrnehmung. Phrasen geiern durch. In der Satellitenschüssel knistern die verkochten Reste einstiger Aufmarschphantasien. Be inspired. Ja, du mich auch. Das zischt, als sei da noch Hitze. Wir wurden einer Infantilisierung ausgesetzt, die bemitleidenswerte Historiker für die Nachwelt aufzeichen mögen oder es lassen, aus Gründen der Fremdscham. Der Macht war das recht, denn unser herabgesetztes Wirklichkeits- und Möglichkeitsverständis ließ sie machen. Möglichkeit hält sich fest an Wirklichkeit, sonst ist sie verloren. Aber sie hatten an den Unis gelernt, daß Affirmation zu kritisieren ist. Das ist sie, in der Tat, aber auch die Kritik ist zu kritisieren. Am Ende trinken alle Wasser und müssen schlafen. Ich müßte tiefer delirieren, um noch ungeschriebenere Texte zu schreiben, noch mehr Kapitel in den Geisterbüchern. Aber daß ich Geisterbücher schreibe, wußte ich bis jetzt nicht. Jetzt weiß ich es, deshalb schreibt man. Ja, unsere Derzeit ist ausgesprochen blöde, aber sie kann sich heilen durch Irrtum.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.