Tingeln und tangeln

Man macht sich über Gebete lustig.

Ich selbst fand sie schrecklich, denn die Großmutter evangelischerseits wollte, daß wir abends und sonntags Gebete sprachen. Aber was hätten wir denn erbitten sollen – wir wußten doch nicht, was erbeten werden konnte. Wir hatten Eltern, wir waren gesund, es gab zu essen.

Von Sünden wußten wir nichts, es gab nur die Sachen, die man ausgefressen hatte. Aber dafür Gott bemühen? Der hat Wichtigeres zu tun, muß ich gedacht haben. Jedenfalls betete ich nicht oder tat nur so, als täte ich es.

Man macht sich über Gebete lustig und vermutet sie bei den Ungebildeten oder Unaufgeklärten. Ich habe erst verstanden, was ein Gebet sein kann, als ich erkannte, daß es darauf ankommt, sich hin und wieder zu entscheiden, aus dem Larifari auszubrechen und eine entschiedene Bitte zu senden in ein All oder Nichts von Güte oder Gleichgültigkeit. (Du mußt es sagen.)

Dazu kann man sich überwinden oder kann es nicht.

Wir halten hier und jetzt möglichst viele Beziehungen im Ungefähren, halten uns alle Möglichkeiten offen. Strategisch ist das klug, existentiell nicht.

So müßte uns das Existentielle widerfahren, daß wir erneuert lernten, was eine Entscheidung ist.

Uns vor ihr zu verschonen ist aber Leistung und Stolz des modernen, also emanzipierten, und das heißt: losgesagten Lebens. – Dies wird keine Predigt. Ich habe mich bereits gegen solche Überwältigungsanstrengungen ausgesprochen und auf die Lebenspraxis verwiesen.

Wir und uns … Das manipuliert Gemeinschaftlichkeit oder Gesinnungsübereinstimmung oder geteiltes Lebensgefühl herbei. Ich setze die Pronomina kursiv, so lassen sie sich befremdeln. Die echten „wir“ lasse ich stehen, denn sie beziehen sich auf meine Geschwister und mich. – Deshalb liebe ich das „man“. Man kann rein oder bleibt draußen. Man versteht sich oder nicht.

Worauf zielt dieser Text? Ich will erzählen oder berichten, daß es einen Unterschied macht, ob ich etwas denke oder es auch sage. Denn wenn ich es sage, ist es dem Körper entlassen und ab diesem Moment Teil des … Hier fehlt mir ein Wort, denn es soll nicht Universum, All oder Äther heißen.

Deshalb gibt es Gebete – damit sich jemand freispricht und seine Bitte hinausläßt, sich also zu ihr bekennt. Aus diesem Grund darf einen niemand zu Gebeten nötigen. Ich bete heute noch selten, obwohl ich ein bißchen verstanden habe, worum es geht. Der Adressat der Bitten mag unbekannt bleiben, manche schreiben ja auch Liebes Tagebuch! Kein Makel, wie es im I Ging so schön heißt. Dieses Urteil wird aber niemals leichtfertig vergeben.


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