Hinlegen und liegen lassen

An wen richtet sich ein Tagebuch? An niemanden, denkt man. An die Nachwelt, sagen andere. Schwer zu sagen, an wen es sich wendet – sofern es sich überhaupt wendet. Benötigt ein Text denn einen Adressaten? Gottfried Benn gefiel die Aussage, ein Gedicht richte sich an die Musen, was soviel bedeute wie, daß sich ein Gedicht an niemanden richte, jedenfalls nicht an jemanden bestimmtes. – Ich denke, die Tagebuchschreiber möchten täglich schreiben, deshalb beginnen sie ein Buch ihrer Tage. In diesem Buch hat alles Platz, was nicht Platz finden kann sonstwo. Im Tagebuch steht, wie es wirklich war. Im Tagebuch steht, worüber man mit niemandem reden kann. Tagebücher sind Archive der Verschwiegenheit und der Geschwätzigkeit, auch der Selbstüberschätzung des Worts, zugleich seines Triumphs über die Vergänglichkeit des Lebens. Denn nur das Geschriebene bleibt, nach materialistischer Einschätzung. Wer Tagebuch schreibt, kümmert und sorgt sich und findet vorläufig Fassung. Manchmal ist es wie kotzen, nur schöner und eleganter.


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