A.M.

Angela Merkel ist verabschiedet worden, ihre Würdigung kann nicht jetzt erfolgen. Manchmal wird gesagt, „die Geschichte“ werde urteilen. Ja, das tut sie, doch unter den Bedingungen der jeweiligen Bedürfnisse. Auch wir schreiben oder schneiden uns, individuell und kollektiv, eine Vergangenheit zurecht, wie sie zu uns paßt oder wir sie zu benötigen scheinen. Man kann es anders formulieren: Wir beschwören die Geister und Taten der Ahnen für aktuelle Vorhaben. Die Geschichtswissenschaft ist langsam und seriös, akademisch trocken und gründlich. In den verschlungenen Gängen ihres Verdauungsapparates werden die „Quellen“ weitergereicht und zu „Wissen“ verarbeitet. Das dauert und endet nicht – solange „Geschichte“ getrieben und geschrieben wird. (Eine Zeitlang glaubte man, auch seitens der Historikerzunft, daß „die Geschichte“ an ein Ende gekommen sei.) Einstweilen geht es weiter mit den Ereignissen. Bekannte Personen kommen, bleiben, gehen. Wer fünfzehn war, als Merkel Bundeskanzlerin wurde, ist nun knapp über dreißig. Das Leben geht weiter und über die einzelnen hinweg. Ich war froh, daß Angela Merkel uneitel war, sach- und lösungsorientiert zu arbeiten und zu entscheiden schien. Daß sie kaum gestalterische Ideen zeigte, also nicht unter Visionen litt, habe ich nicht nur verkraftet, sondern ihr zugute gehalten. Das Schlimme, das sie diesem Land angetan hat, ist das praktizierte Konzept der Alternativlosigkeit. Es besagt, daß es nur eine Lösung des jeweiligen Problems gibt – und geben kann. Begründung: sämtliche Alternativen seien zuvor bedacht, geprüft und zu Recht verworfen worden. Ein solches Husarenstück muß einem erst einmal einfallen! Damit installiert sich ein Unfehlbarkeitsanspruch, den wir in der aktuellen Pandemiekrise erneut erleben. Ich hoffe sehr, daß sich solches Vermächtnis nicht vererbt und die neue Regierung sich eines totalitären und arroganten „Konzepts“ entledigt. Es gibt nicht den einen richtigen Weg für die Vielen, und es sollte ihn auch nicht geben – so sehr die Macht ihn sich jeweils wünschen mag. Politik ist nicht Ich-wünsch-mir-was und nenne es Wahrheit.


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A.M.

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