Gryphius

Fragte mich jemand, wie es mir geht, müßte ich antworten und habe das bereits getan: seit einem Jahr und neun Monaten nahezu unaufhörlich schlecht. Ich hätte ein kräftigeres Wort dafür parat und habe es bereits benutzt. Ich glaube nicht, daß wir bessere Menschen werden, wenn wir Schimpfwörter vermeiden. Seit nun also einundzwanzig Monaten sehe ich mitan, wie es den Leuten mies geht, wie sie Angst haben, in Deckung gehen, ihre Liebsten schützen möchten. Und täglich wird auf der Angstgeige gefidelt, von oben nach unten, ein Konzert der Kopflosigkeit ist veranstaltet und nicht beendet. Der Tod schwebt wirr und ratlos über der Szenerie, einbestellt und halbwegs zuständig, im Zugriff unsicher, seine Vorlieben sind bekannt: die Alten, die Geschwächten, die Vorerkrankten. Seit einundzwanzig Monaten wird Angst geblasen und Sicherheit durch Maßnahmen suggeriert. Am Ende dann, eines Tages, wird abgerechnet werden können. Was haben die Maßnahmen gebracht, was haben sie gekostet. Was ich dazu denke: Ab und an dreht die Menschheit komplett durch (jener Teil, der sich dabei zusehen läßt). „Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden“.


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