„Das Hauptproblem der gegenwärtigen Kultur besteht meiner Meinung nach genau darin, daß jeder hier und jetzt gemocht werden will. Betrachtet man jedoch die Geschichte der Menschheit, angefangen bei Sokrates und Jesus Christus bis hin zu den Künstlern der Avantgarde, sieht man, daß Menschen nur dann im Gedächtnis bleiben, wenn sie zu Lebzeiten auf Ablehnung gestoßen sind. Man erinnert sich nur an das, was einem nicht gefällt. Das ist eine sehr simple psychologische Tatsache. Wenn man anderen im Gedächtnis bleiben möchte, muß man bei den Menschen systematisch auf Ablehnung stoßen. Wenn du bereit bist, nicht gemocht zu werden, hast du eine reale historische Chance. Diese Regel mag seltsam erscheinen, aber es ist eine Regel, die über Jahrtausende ungebrochen blieb. Der Grund für die Gültigkeit dieser Regel ist simpel: Die Entscheidung, nicht gemocht zu werden, macht die Menschen perplex und zwingt sie, einen genauer zu betrachten.“
Boris Groys, Ein Kunstwerk werden, in: Lettre International 135, Winter 2021
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.