Alte Wette mit Peter

Die Leute drehen hier nach und nach durch, verlieren den Verstand, fangen an zu brabbeln und fühlen sich verfolgt, sehen Tote oder irren durch die leeren Hallen ihrer Vergangenheit und halten sich die Ohren zu, wenn jemand aus dem Dunkel und der Weite zu ihnen spricht. Reine Nervensache.

So redeten wir ums Jahr 2004 herum, und ich wiederholte meine Befürchtung 2007, 2011. Da waren schon einige ausgestiegen und in Kliniken gelandet, hatten den Vollverstand und die Eigenverantwortung stückchenweise abgeben müssen. Glorreiches Kreuzberg, SO36. Damals konnte der Säufergeneral noch halbwegs atmen, grölte und kommandierte herum, zog einen Zettel aus der Innentasche seines Sakkos und deklamierte seine jüngsten Gedichte. („Ich verzichte auf euch alle.“)

Peter saß da, zog die Augenbrauen zusammen, nahm einen Zug der Selbstgedrehten, American Spirit (meist zu trocken, man muß ein Scheibchen einer aufgeschnittenen Kartoffel in die Packung legen, aber nur für etwa eine Stunde), seine Augen leuchteten ein wenig, und er sagte: Stimmt. Was für eine scheiß Zeit.

Peter legte Wert auf Dominanz. Er war der Wirt meiner damaligen Lieblingsbar am Kottbusser Tor. Ich sah ihn vor drei Jahren zuletzt, er sagte zu seinem Laden: Touristenpublikum, Hipster, Leute die sich für cool halten. Egal.

Unsere Wette aber läuft weiter, sie lautet: Wer verliert als erstes den Verstand, wem schmoren die Sicherungen durch. – Das bezog sich auf die alte Mischpoke, aber man kann es auf die gesamte Gesellschaft beziehen.

Peter ist ein Meister in der Kunst der Negativität. Er hofft vielleicht auf das Gute, aber er glaubt nicht daran.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Alte Wette mit Peter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert