Nachts in Ottawa

Ich bleibe noch ein Weilchen in Ottawa, wo die Trucker ausharren. Mittlerweile Tag 7 bei eisigen Temperaturen. Nachts unterwegs mit einem der Youtube-Livestream-Freizeit- und Gelegenheitsjournalisten, der die Trucker während der Tage des Protests immer besser kennengelernt hat und sie sprechen läßt.

Sie sind von überall her gekommen sind, um für ihr Anliegen einzustehen und sich zu zeigen: machtvoll, beharrlich und friedlich – und der Regierung zu zeigen, daß auch sie Rechte haben.

Sie teilen miteinander die warmen Mahlzeiten, haben Zelte aufgeschlagen und Generatoren angeschlossen, Toilettenhäuschen herbeigeschafft, damit Ottawa sauber bleibt, einen Schneekehrdienst eingerichtet, damit niemand ausrutscht und fällt, sorgen dafür, daß Spinner mit irgendwelchen Symbolen, die ihnen in der öffentlichen Wahrnehmung schaden sollen, aufgefordert werden, sich von den Trucks fernzuhalten – denn Justin Trudeau hat behauptet, unter den Truckern befänden sich welche, die trügen Hakenkreuzfahnen …

Wir sind auch noch da, sagen diese Lastwagenfahrer. – Mir gefällt es gut, daß die von ihrer Universität suspendierte Professorin (weil sie sich nicht impfen lassen wollte) sich mit jenen zusammentut, über die sie zuvor vielleicht nicht sonderlich nachgedacht hat. Diejenigen, die das Rückgrat einer funktionierenden Wirtschaft, wenn nicht schlimmstenfalls ihre Lastesel sind. Ausgerechnet diese Menschen – ohne die es keine Versorgung mit irgend etwas gibt – mit schikanösen Regeln zur Impfpflicht bei Wiedereinfahrt in kanadisches Staatsgebiet zu traktieren, zeugt von einer beschämenden Arroganz und Ignoranz der vorgeblich Mächtigen.

Der Youtube-Berichterstatter steht mit den Truckern und ihren Familien am Feuer. Da er friert, reichen sie ihm Handschuhe. Bereitwillig geben sie Auskunft, sind froh, daß sich jemand ernsthaft für sie interessiert. Die Kamerateams der großen Sendeanstalten huschen durch und suchen Einstellungen für ihr vorgefaßtes Bild von dieser Demonstration. „Das sind die von CBC, die sind schon wieder weg.“ – Ich kenne das von früher, als ich einmal Fernsehjournalist werden wollte.

Die Wirklichkeit ist stets interessanter als alles, was man sich in Schnelle und Produktionsdruck oder zur Vereinfachung zurechtlegen möchte. Dank der Berichterstattung von Ottawa-Scottie sind mir einige der Leute dort ans Herz gewachsen – und ich werde weiter zu ihnen halten, als wäre das von Bedeutung.


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