Tugendhaft

Ich vermute, daß eine Mehrheit der Menschen in unserer Zivilisation strukturkonservativ fühlt, denkt und handelt. Daher die relative Stabilität der Ordnung. Der Strukturkonservatismus ist vielleicht – ich merke das vorsichtig an – das wichtigste Bindemittel, das diese Republik aufzuweisen hat – jenseits sonstiger Werte. Freiheit und Bürgerrechte sind es jedenfalls nicht – die scheinen verzichtbar in einem Land, das zuvorderst darauf bedacht ist, daß es seine Ordnung hat. In solchem Sinne sind die Deutschen noch immer schmiedeeisern. Sie denken vom Ganzen her, was Vorteile hat. In dieses Ganze möchten sie sich aktiv einfügen können und verstehen augenblicklich selbständig zu werden, wenn es darum geht, entsprechend der „Auftragstaktik“ eigene Wege zu ersinnen, wie der Sache (dem Auftrag) effektiv und zielführend zu dienen ist. Da hat jeder eine Idee, wie man dem Feind noch mehr schaden und der eigenen Sache noch mehr nutzen kann. (Ein Überbietungswettbewerb muß gar nicht erst ausgeschrieben werden. Er besteht bereits, wenn der Gemeinsinn sich ausgerichtet hat.) In Krisenzeiten rastet diese Tugend wie von selbst ein. Die Politik hat das verstanden und die nationale Verhaltensressource zu reaktivieren vermocht. Jetzt marschiert sie durch – für das Gute und einzig Richtige.


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