Es hat nur einen Christen gegeben, schrieb Nietzsche und nannte sein bewunderndes Bekenntnis Antichrist

Ich lese in alten Texten von 2016 und erinnere mich nicht mehr der Tage. Die Texte sind geblieben, nicht die Tage. Ich war auf der Suche nach solchen, die das Dunkle beheimaten und das Abseitige verstehen. Nicht als Nische, sondern als das eigentlich Interessante. Als sei im sogenannten Hauptsächlichen die wertvolle Sache nicht vertreten. Nun regnet es, leise des Nachts, und ich geriete in musikalische Verzückung, lebte ich nicht hier in den Regionen unendlicher Mäßigung. Deshalb wohl auch ließ ich mir vor ein paar Tagen Der Antichrist vorlesen, Nietzsches gröbste Schrift – Abrechnung mit dem protestantischen Pfarr- und Elternhaus – und zugleich feinste Würdigung des Jesus von Nazareth. Darin finden sich Sätze, die man nie mehr wird vergessen können. Allerdings gilt zugleich: Ehre allem ehrlichen Tun. Nicht alle Priester sind Falschmünzer. Aber verführen möchten sie doch. Heutzutage ist das nicht mehr interessant. Interessant ist, wer heute zu verführen vermag. Welche Versprechungen sind gängig? Seit einigen Jahren möchte ich die Christenkirchen in Schutz nehmen vor Angriffen aus dem Mittelfeld des Geistes, der es sich billig macht und hohnlachend überschreitet, was längst überschritten ist. Nur daß das das Überschrittene darunter warten kann. Man springt nicht ins Freie, indem man die Gefangenschaften leugnet. Ich fühle mich den Christen derzeit näher als den Nichtchristen. Oder jenen, besser gefaßt: die nicht ins allein Materielle streben. – Dritte Korrektur dieses Textes, jedes Wort wiegt und zählt.


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