Jäger und Gejagte

Da nun die Schritte weniger schmerzen, nehme ich an, daß mir Gewichte genommen sind. Daß ich einer zweijährigen Depression entkommen bin, bemerkte ich heute auf einer vielbefahrenen Straße in Wilmersdorf. Nichts dort war besonders bemerkenswert, außer der gepflegten und bautechnisch exzellent ausgeführten Idiotie der Fußgängerüberwege, die geschaffen worden sind, weil Fußgänger auf den Straßen nichts zu suchen haben und wie Wild über sie hinweg ins Sichere geleitet werden sollen, auf die Gehwege und über sie in die Häuser oder Krankenhäuser oder Schlachthäuser. Strömungsverhältnisse im öffentlichen Raum. Ich lief dort und wollte einen Arzt aufsuchen, um eine Bescheinigung abzugeben. Papiere pflastern meinen Weg. Nach leichtem Landregen schien die Sonne, uneindeutig und fahl. Ich stopfte die medizinische Maske in die Tasche und dachte: Nur die Sonne war Zeuge. Dabei wollte ich nicht töten. Ich wußte nur, daß die kleine Vergangenheit gegangen ist. Die große kann niemals gehen, sich nur verbergen.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Jäger und Gejagte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert