Verschnaufpause

Leben heißt staunen lernen. Als Kind staunt man an allem hoch und ist begabt für die Dinge und Wesen am Wegesrand. Steine und Schnecken, Schmetterlinge und Pusteblumen. Dauernd findet man Münzen, solche mit geringem Wert – das Glücksgeld. Später kehrt das Staunen, nachdem es zwischenzeitlich verloren gegangen ist, da man sich eingelernt hat in die Verrichtungen und die angemessene Einschätzung ihrer Bedeutung und ihres Rangs (Konventionalisierung und Professionalisierung) und mit den Dingen zu rechnen sich angewöhnt hat – später kehrt das Staunen zurück. Zwischendrin war keine Zeit mehr zum Staunen, da mußte man kämpfen, arbeiten und überleben.

Daß Tiere durch die Luft fliegen, ist völlig verrückt. Andere tauchen bis zu dreitausend Meter tief in den Ozeanen. In diesem milden Herbst höre ich täglich die Flugrufe der Graugänse, die sich in diesem Jahr spät auf den Weg nach Süden machen. Manchmal kreisen sie kurz über der Stadt, als müßten sie sich besinnen und ihr Navigationssystem nachjustieren, doch dann ziehen sie geschlossen weiter. Kein Tier bleibt zurück. Diese Vorgänge sind bedeutsam und vollziehen sich seit unvordenklicher Zeit. Wir hier unten sehen zu ihnen hinauf und wünschen Gute Reise. Ich möchte mit ihnen ziehen. Doch als Mensch kann ich nicht fliegen; ich kann nur fallen und stürzen.

Große und mächtige Natur, verschwenderische und harsche Lehrmeisterin der Dinge des Lebens und Sterbens, bist du die Göttin, die durch uns die Gottheiten schuf. – Ich denke an Terrence Malicks Darstellung, daß (durch Gott) die Gnade in die Welt gelangt ist, als Grundlage unserer Zivilisation (so gnadenlos sie zuweilen auch vorzugehen sich anschickt): The Tree of Life, als Gegengewicht zur schöpferischen und zerstörerischen Allmacht der Natur.


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