Zur Nacht noch

Nach endlosen Wochen eines Gefühls inneren Niedergerungenseins atmete ich heute (gestern) frei und konnte nicht nur sprechen, sondern erstmals wieder vollständig fühlen. Der innere Automat mußte nicht anspringen, ich war wirklich bei der Sache. Bevor ich unter Leute ging, gegen Mittag, dachte ich darüber nach, was mich durch die vergangenen zweieinhalb Jahre geschleppt oder getragen hat. Wer oder was hat geholfen? Geholfen hat:

Daß ich hier schreiben konnte und halbwegs offen reden. Daß ich im Eingeschlossen- und Ausgeschlossenwerden (3G, 2G, dazu manchmal noch ein +, also Menschengruppeneinteilung in den Jahren des Herrn 2021 und 2022) eine Idee hatte, nämlich diese: daß ich Zeuge einer Ungeheuerlichkeit werde, die ich zu beobachten und zu beschreiben habe, und sei es nur anhand des eigenen bescheidenen Beispiels. Daß solche Perspektive etwas zeigen und helfen kann. Daß es für die Späteren wichtig sein wird, daß nicht alle auf Befehl oder tatsächlich durch Einsicht in eine Richtung streben.

Ich würde, falls ich könnte, den Künftigen Hoffnung machen. Sie sollen, falls sie wollen, nicht sonderlich gehorsam sein. Durch Gehorsam gerät man sonstwohin. Die Profis aus Politik, Ökonomie, Publizistik usw. ziehen schnell ihre Züge. — Als gäbe es ein Ziel der Macht, das von der Last der Macht erlösen hilft. Aber das wissen nicht einmal sie, also diejenigen, die nach vorn streben und nach oben und das für normal halten und mit dem lästigen Rest meinen umspringen zu können.

Daß ich Filme sehen konnte und mich in Serien verfing.

Daß es eine Handvoll Leute (mehr als eine Handvoll) gab, mit denen ich jederzeit reden konnte und die mich verstanden. Umgekehrt konnte ich sie verstehen. Daß ein ehrlicher Austausch stattfand über das, was wir wissen und einstweilen nicht wissen können. Daß niemand je respektlos mir gegenüber auftrat, obgleich seitens der Politik unannehmbare Grenzen durch uns hindurch gezogen wurden. Deren Grenzziehungen sollten wir ausbaden. Wir kamen dem nicht nach!

Daß ich kühles Bier im Kühlschrank hatte und ich in mich wanderte, dort Proviant suchte und fand. (Nun hast du deine Krise.) Daß es Bücher gibt, in denen Klügeres steht als sonstwo Aufgeschnapptes. Daß es Techniken gibt, sich aus der Gegenwart mental auszuklinken. Ich kann stundenlang stillsitzen und in einem Bild verschwinden, ich kann mir eine Begebenheit aus der Vergangenheit ausmalen, bis die Farben/Gefühle schmerzen.

Daß ich Vertrauen faßte zu einer Fremden, die seltsam vertraut erschien vom ersten Augenblick.


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