Über Bedeutungen sprechen

Seit ich in dieser größeren Stadt lebe, begegnen mir Geistermenschen.

Einst war es Ahmed, ein Schnorrer. Dickbäuchig stand er in Hauseingängen und erwartete mein Kommen. Zwei Euro lieh ich ihm, obwohl ich selbst nichts hatte. Das war auf dem Kottbusser Damm. Ein zweites Mal gab ich ihm fünf. Du bekommst es morgen zurück. Bei unserer dritten Begegnung kam ich ihm zuvor und fragte, bevor er mich fragen konnte, ob er mir fünf Euro leihen könne, ich sei in Not. Tut mir leid, Bruder, sagte er. Nächstes Mal kann ich dir helfen, ich bin sicher. Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Möge es ihm gut gehen.

Seit ein paar Jahren, es begann vor der Virus-Zeit, ist es eine Frau unter schwarzem Schleier, die stark geschminkt ist und viele Leute kennt. Ich sah sie auf der Straße jeden zweiten, dritten oder fünften Tag. Wir haben nicht gesprochen, sie kennt mich nicht. Ich kenne sie ebenfalls nicht. Ich erkenne sie nur wieder und spüre eine Kraft, von der ich gar nichts weiß. Nichts ist böse daran, eher dunkel und verlockend.

Ich habe die Geistermenschen seit langem nicht gesehen. Fast fürchte ich, daß es Unheil bringt, über sie zu sprechen. Dennoch möchte ich sie in die Wortwelt lassen, ihnen Geltung verschaffen, sie damit ehren. Den Schnorrer, der mir Glück brachte. Die dunkle Schönheit, die mich schützte. Nichts von dem werden sie wissen oder wollen, würden sie befragt.


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