Hommage

Die Nacht läßt mich entkommen. Freilich wäre es gut zu schlafen. Ich schlafe ja und zudem gut. Doch der Firlefanz des täglichen Geschäftigseins spinnt ein und bildet, breche ich nicht immer wieder aus, einen Kokon. Den routinierten Abläufen darf nicht die Oberhoheit eingeräumt werden, eine Knechtschaft des Geistes ist inakzeptabel, sogar im Kleinen. Zeit ist nicht Geld, Geld ist nicht Macht, Macht ist nicht Geist. Getrennte Sphären, die sich berühren mögen. Nachts lasse ich ein paar Ballons steigen und schaue am nächsten Morgen oder Mittag nach, wo sie sich befinden. Manche schösse ich nachträglich am liebsten vom Himmel, doch das gehört dazu, wenn man zeichenhafte Objekte in die Höhe schickt. Ich werde nicht klagen. Was aus mir wird, ist derweil vollkommen unklar. Wie gut ich mittlerweile Rimbaud verstehe, auch Paul Nizan. Von ihm vielleicht demnächst einmal mehr. Es verschlug ihn nach Aden, die Stadt im Vulkankrater. Ich lese seinen Bericht aus dem Jahr 1931, die Abrechnung eines jungen Mannes. Ich liebe die blutenden, trotzenden und tränenbefleckten Texte der Enttäuschten. Nizan starb 1940 im Krieg. (Man soll ihn nicht verwechseln mit Paul Nizon, dem Schweizer Flaneur, der ebenfalls schön, aber nicht so hart schreiben kann.) „Ich war zwanzig. Niemand soll sagen, das sei die schönste Zeit des Lebens. Alles droht einen zu vernichten: die Liebe, die Ideen, der Verlust der Familie, der Eintritt in die Welt der Erwachsenen. Es ist schwer, seinen Part in der Welt zu lernen.“ So beginnt Aden. Überambitioniert – ja, mag sein. Ich mag das, leide selbst darunter und freue mich, wenn jemand aus seinem Wahn ein Buch macht und sich sogar traut, es zu veröffentlichen.


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