Weltwunder

Ich verkehre unter stocknüchternen Menschen, doch mag ich hoffen, mich zu täuschen. Da wir doch mitten im Wunderbaren zuhause sind. Durch Gewöhnung verliert sich das Staunen. Wo alles scheinbar nur es selbst ist, also nichts weiter bedeutet und nirgendwohin weist, gibt es keine Poesie. Leiden heißt dann Krankheit, Niedergeschlagenheit Depression. Beide verweisen jedoch spiegelbildlich auf ein Positives, auf den Gehalt des Lebens und der eigenen Existenz. Das Fehlen und das Vermissen sind die deutlichsten Hinweise. Poetisch zu sein heißt, in der ganzen Wirklichkeit zu leben, mit allen Sinnen und bei vollem Verstand. Solcher Verstand kennt die Grenzen seines eigenen Wirkens und achtet die Träume. Sie geben wichtige Hinweise. Ich verlasse manchmal das Haus und sage mir, daß ich bereit für das Wunder bin. Kurz darauf oder später geschieht etwas, das zu bemerken ich dankbar bin. Allerdings war ich vorbereitet. Könnte man von einer positiven Suggestion sprechen? Es ist vielmehr eine Schule der Wahrnehmung und eine Schärfung der Sinne. Suggestionen unterstellen etwas, weshalb man auch mit den Romantikern vorsichtig sein sollte. Sie betreiben ästhetisch Politik und arbeiten mit Zaubertricks. Ich will mich zu nichts überreden oder überredet werden. Ich möchte selbst und ganz wahrnehmen, was ist – so gut mir das möglich ist. Was ich unterstelle, ist Folgendes: Wir leben noch nicht in der Wirklichkeit, wir konzipieren sie viel zu klein und beten versehentlich oder aus Not den Zufall an.


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