Heinrich Reiser

Die Helden von heute sind die Nieten von morgen, so wie die Nieten von heute die Helden von gestern waren. Deshalb bin ich skeptisch bis belustigt, wenn Straßen und Plätze umbenannt werden, um auf dem Laufenden der fallenden und steigenden Aktienkurse eines Namens und der ihm zugeordneten Taten zu bleiben. „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein“. Ein vergebliches, kein unverständliches Tun. Bemühungen sind erkennbar, die Gegenwart möchte gut dastehen. Vor wem allerdings, fragt sich. Vor sich selbst vielleicht bestenfalls, denn vor dem Aberwitz der Geschichte ist niemand sicher. Der leistet sich Scherze, die einem das Blut in den Adern gefrieren läßt. Die alten Rißlinien zwischen den Völkern und Gruppen werden bloß gelegt, und in dieses zerklüftete Feld reiten oder rollen die Schwadronen und vollziehen die unvollendet gebliebenen Geschäfte ihrer Ahnen. Namen wären Schall und Rauch, wenn auf dem Rio-Reiser-Platz Exekutionen stattfänden, weil der Friedenskitt nicht halten konnte, aus Gründen, die dann später zu ermitteln wären, worauf wieder Namen aufgeblendet würden und einige Zeit darauf verschwänden. Rio Reiser war harmlos, deshalb tat man nichts Schlimmes, ihn zu verewigen für ein paar Jahrzehnte. Der Heinrichplatz in Kreuzberg (Berlin), wie er früher hieß, war von 1849 bis 2022 nach Heinrich von Preußen benannt. Der war ebenfalls harmlos, zudem kränklich, allerdings mit Lametta, denn als junger Mann zu Pferde hatte er Dienste geleistet im Kampf gegen die napoleonischen Truppen.


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