Es hätte auch anders kommen können

Rückblenden in Spielfilmen sind mir lästig. Ich verstehe schon: es war mal was, das soll der Zuschauer wissen. Doch es unterbricht den Fortgang der Handlung, die Folge der Bilder und Szenen, in deren Rhythmus und Tonalität ich mich eben erst eingefunden habe. Ich schwinge mit. Nun kommt diese Vollbremsung, ich gerate in den Haltegurt oder fliege gleich durch die Windschutzscheibe, da ich vergessen habe mich anzuschnallen. Wechsel der Farbfilter, gröbere Körnung. Grobe Signale an mein grundsätzliches Entgegenkommen, das darin besteht, der Handlung und ihrem Aufbau zu folgen und zu vertrauen. Doch ich will nicht zurück. Ich bin doch hier – in exakt jener Zeit, in der die Leute, die ich liebgewinne oder argwöhnisch begleite, zu leben und zu überleben haben. Ich sehe ihnen zu, ich bange mit. Nun also plötzlich Rückblick: Belehrung im Sinne von: Von nichts kommt nichts. Aber das weiß ich doch bereits. Ich weiß, daß ein Jegliches Geschichte hat – meinetwegen auch Vorgeschichte (damit wir durch die Doppelbedeutung des deutschen Wortes ‚Geschichte‘ nicht durcheinander geraten). Muß ich denn wirklich und unbedingt jetzt Bescheid gesagt bekommen, was damals geschehen ist? Vielleicht möchte ich mir selbst eine Vorgeschichte ausdenken, vielleicht möchte ich nicht alles erklärt bekommen. Ohnehin macht mich das Vertrauen in eine Wenn-dann-Kausalität des Lebens mißtrauisch.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Es hätte auch anders kommen können

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert