Mir vorzustellen, daß ich einmal nicht mehr bin, fällt nicht sonderlich schwer. Ich denke an unsere Großmutter, die mehrfach anmahnte, wir würden uns noch umschauen, wenn sie einmal nicht mehr sei. Es geschah dann auch, sie war tot, eines Tages im Jahr 1974. Zuletzt hatte sie die Dinge und Reihenfolgen der Arbeiten auf dem Hof durcheinander gebracht. Verkalkung des Hirns, erklärte man uns. Ein Fegeblech (Kehrblech) hat nichts im Kühlschrank verloren, mittags geht niemand hinüber zum Nachbarn und holt frische Milch (gemolken wird morgens und abends). Ich war zu jung, um traurig zu sein, als sie starb. Eher war ich erleichtert, denn es schien ihr nicht recht, wie ich war. Sie machte mir Angst. Sie wird eine der ersten sein, denen ich gegenübertreten möchte, wenn es einen Ort nach dem Tod gibt. Ich denke bereits jetzt, daß wir beide uns werden entschuldigen wollen. Ich dafür, daß ich nicht unglücklich war, als sie starb, sie dafür, daß sie nicht zeigen konnte, daß sie uns vielleicht doch mochte, meine Brüder und mich.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.