Ein Mann steigt ein und spricht, als befinde er sich in einer Veranstaltungshalle und sei als Redner bestellt worden. An wen sich seine Worte wenden, bleibt indes undeutlich. Er sieht niemanden an, spricht durch die Leute hindurch, über ihre Schultern hinweg an den Köpfen und Ohren vorbei. Wovon handelt seine Rede? Es geht um etwas Allgemeines, um Dinge, die jeder kennt. Hohe Preise, unzuverlässige Verkehrsmittel, verpaßte Gelegenheiten. Nicht der Redner redet, sondern die Rede redet. Sie wallt und schwallt aus ihm heraus. Betreten sehen seine Zuhörer zu Boden. Er geht nun auf und ab und gestikuliert. Zeige- und Mittelfinger bilden mit dem Daumen der rechten Hand eine Art Oval, die Hand fährt auf und nieder. Mittlerweile ist die Rede, die sich redet, unverständlich geworden. Nur noch vereinzelt klingen die Laute vertraut: beschissen läßt sich heraushören, verrückt ebenfalls, dann noch Riesenhaufen. Obgleich er niemanden ansieht, achtet der Mann, der nicht aufhören kann, auf jede Bewegung im Waggon. Er gibt den Weg frei, als ich aussteigen muß. Und jetzt treffen sich unsere Blicke. In seinen Augen steht das nackte Erstaunen – als sei er überrumpelt worden. Wie können die Zuhörer jetzt schon gehen, ich bin doch noch längst nicht am Ende.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.