Sie erkennen

Seltsamer Moment, als ich am Waschbecken stand und den Rasierpinsel ins Wasser tauchte. Ich brauche eine spirituelle Erfrischung, dachte ich. Zurück am Schreibtisch schrieb ich das ins Tagebuch. In dem lese ich nun, daß ich mich nicht rasieren wollte, sondern Wasserflaschen auffüllte. Das Gedächtnis ist ein dehnbares Mehrkammernsystem, man hilft sich dort gegenseitig aus und gibt sich mit Plausibilität zufrieden. Zuvor hatte ich über protestantische Freikirchen nachgedacht, die zuweilen etwas Sektiererisches kennzeichnet – eine Enge und Strenge des Zusammenhalts, eine Abwehr weltlicher Gott- oder Sinnvergessenheit. Meine spirituelle Erfrischung hat damit wenig zu tun: Möge sie weit, geöffnet und versöhnlich sein, die vermeintlichen Gegensätze integrieren und dem Augenblick zugewandt. Andererseits geht es mich auch nichts an. Ich halte mich wunschfrei, um freier und schöner erleben zu können, versuche es. Die unerwartete Gabe.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Sie erkennen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert