Allein am Grab

Stirbt jemand, bin ich nur halb bei der Sache. Das hat einen Grund. Ich sehe, daß es ist, wie es ist. Es ist so, daß der, der jetzt tot ist, nicht mehr lebendig sein wird. Ich erkenne zugleich, daß diejenigen, die trauern, sich wünschten, er wäre noch lebendig. Was läßt sich aus solchem Dilemma ableiten? Trost zu spenden ist gut. Sich Geschichten anzuhören noch so mehr. Die Trauernden möchten lebensvoll umgeben sein. Mir war damals so, als könnte niemand heranreichen an die Trauer, an den Skandal des verfrühten und auf fahrlässiger Expertise beruhenden Todes. Doch es war gut, daß die anderen da waren und meine Trauer, wie es heißt, teilten. Sie trugen mich, ohne daß ich das verstehen oder benennen konnte.

Etwas in mir wird kalt, wenn der Tod auftaucht. Ich meine das nicht witzig. Der Tod ist ein kalter Meister. Ich begegnete ihm etliche Male und bestaune jene, die nichts von ihm wissen. Eine Zeitlang fühlte ich mich auf bestürzende Weise ausgezeichnet, da um mich herum der Tod seine Ernte hielt. Es wurde reichlich gestorben, und ich traf auch jene, denen er ebenfalls schweren Schaden zugefügt hatte. Er ist ein Aufrührer und ein Dieb. Er stiehlt die Liebsten und tröstet nicht. Ich kenne Leute, die würden vor ihm ausspucken, andere nannten ihn eine Schweinerei. Daß wir allesamt sein sind und ihm gebühren. Ihm, der nicht ist, stattdessen nur handelt.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Allein am Grab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert