Hommage an einen Wortemacher

Ich höre ihn reden. Mir ist, als hörte ich ihn von Anbeginn reden und reden. Es ist, als wäre solches ihm aufgetragen, kaum anderes. Er soll reden oder will reden. Jedenfalls redet er, notfalls stundenlang. Er weiß Bescheid, er ist unterrichtet, seine Meinung zählt für ihn. Frag ihn was oder frag ihn nicht – er redet trotzdem. Mit Worten hat er dreimal den Erdball umkreist und ist zu weiteren Runden aufgelegt. Mit Wörtern hält er sich die Wirklichkeit vom Leib. Die Probleme wickelt er in Worte, die Widersprüche umwickelt er doppelt. Ist doch alles schon gesagt, sagt er zu dem, was jemand anderes sagt. Daß andere tricksen, ist ihm früh aufgefallen. So geriet er ins Lager der Systemkritik. Ihm zuliebe wurde die Dialektik erfunden, mit ihr dreht er sich alles zurecht. ‚Alles‘ ist ihm keine Hyperbel, sondern Gefechtsfeld der Methode. Die hat er in den Seminaren gelernt und später im Alleinstudium in den Werken und Büchern der wahrhaft menschlichen Wissenschaft. Wenn er redet, klingt das, als habe er Schnupfen. Dieser Sound würde ihn berühmt machen, lebten wir noch im Jahr 1971. Ich könnte ihm stundenlang zuhören. Ihn würde das freuen. Er redet immer noch oder schon wieder.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hommage an einen Wortemacher

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert