Lesen heißt ja geringstenfalls und bloß: zur Kenntnis nehmen. Es gibt aber ein Lesen, das wie ein Austrinken und ein Gieren nach mehr ist. Man bebt mit, fiebert einer Entscheidung entgegen, die dort getroffen wird, wohin wir mit unseren Wünschen nicht reichen – in die bestimmende Gewalt des Erzählergottes, die ich mir selbstverständlich als eine Göttin vorzustellen vermag, eine Schicksalsgöttin. Sie, die Entscheidung, liegt bereits vor. Das Schicksal muß sich erfüllen.
Weibliches und Männliches sind derart ineinander verwoben, daß die Zuweisungen oft falsch sind. Aus der untergegangenen bürgerlichen Kultur des 19. zum 20. Jahrhunderts haben wir Klischeevorstellungen von männlich und weiblich genommen, um uns nun endlos und ermüdend gegenseitig zu beweisen, wie dumm wir sind oder waren.
Ich entstamme zu einem Teil der bäuerlichen Welt und weiß, daß es unter meinen Großeltern eine Rollenverteilung gab, die nicht anders sein konnte. Daß der Mann überlegen sei, kam dort nicht vor. Solches haben sich die Bürgerlichen ausgedacht. Die dachten, die Frau müsse gehegt, gepflegt, umsorgt, aus dem Verkehr gezogen sein, ins Private gesetzt wie in ein Puppenheim. Daß sie nicht gewerblich arbeiten müsse, galt ihnen, den bürgerlichen Männern, als Abzeichen ihres Leistungs- und Standesvermögens.
Sehr einfach, von heute über solche Maßstäbe und Ehranforderungen zu lachen. Auch über uns, die wir jetzt leben müssen und dürfen und gar nicht anders können, wird geurteilt, gerichtet und gelacht werden. Dazu laden wir ein.
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