Sich selbst zum Sprechen bringen / Unruhe und Ruhe

Wie soll denn in dieser Zeit Poesie möglich sein – angenommen einmal, man sei jung, also im empfindsamen Alter, noch nicht abgerichtet im stereotypen Auffassen und Benennen von Wirklichkeiten, sondern noch nah an sich selbst, sein eigenes Wesen verteidigend gegen den Zudrang von falschen Empfehlungen und sogenannten Lebensregeln. Dies einmal angenommen. Auch angenommen, man sei dem Trotzalter entwichen, müsse nicht andauernd verneinen und wüßte bereits, daß man früher nur deshalb dagegen war, um sein eigenes Wesen vor Zugriffen zu schützen. Zugriffen der Autorität, Zugriffen der akzeptierten Mächte. Es sind einige. Angenommen weiterhin, man hätte schon verstanden, daß die Freiheit, von der geredet wird, nicht bedeutet, daß man frei ist. Und nun die Poesie – sie ist eigenstes Sprechen, notfalls Stammeln, das alle angeht, die hören können und verstehen mögen, und reicht über die noch weit hinaus. Wie kann man eine eigene Stimme bekommen (die eigene finden – man bekommt sie ja gar nicht) angesichts dessen, was mit den Bildern und mit den Sprachen und dem Denken geschehen ist? Die Trostlosigkeit könnte ansteckend wirken, die junge Stimme müßte vielleicht meinen, sie sollte es „gleich bleiben lassen“, „interessiert sowieso keine Sau“, zu wenig Sex, zu wenig Kitzel, zu wenig Geld. Überall Parolen und Rezepturen. Wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Wie man professionell sein Manuskript Verlagen anbietet. Es wäre zum Verzweifeln, wüßte man nicht, daß die Stimmen, die zu sich selbst gefunden haben, und das heißt, zur Welt gekommen zu sein in einem Akt zweiter oder dritter Geburt, sich durchsetzen werden. Ich denke deshalb an die Jungen, da man ihnen mit Karriere Mut machen möchte. Das ist das falscheste aller Angebote. Man soll sich nicht marktgängig machen. Es sei denn, man möchte. Auf dem Marktplatz verbrennen die Talente. Immer mit der Ruhe, ganz bei sich selbst bleiben, voller Vertrauen (trotz der umstoßenden Zweifel), die Sinne schärfen. Irgendwann spricht man wie von selbst richtig. Das kann auch über Nacht geschehen.


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Sich selbst zum Sprechen bringen / Unruhe und Ruhe

Ein Gedanke zu „Sich selbst zum Sprechen bringen / Unruhe und Ruhe“

  1. Christiane schreibt:

    Lieber Holger, danke für diesen unfassbar großen, drüber nachdenkenden, tollen, klugen Text.

    Ich bin so bei Dir

    Christiane

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