Die Frage lautet vielleicht nicht, ob wir ein Ziel haben. Wir werden eines haben, deren mehrere sogar, das läßt sich unterstellen. Die Frage ist: Was tun wir, wenn wir es erreicht haben? Ich höre die Antworten: Dann stellen oder legen oder setzen wir uns ein neues. Ziel.
Was bedeutet es, daß ich so frage und die Antworten lauten, wie sie lauten, und mich die Antworten nicht erstaunen, aber nachdenklich stimmen? Es könnte und müßte zuallererst bedeuten, daß ich alt bin, jedenfalls alt genug bereits, um den Lebenskampf zu relativieren, späterhin sogar aufzugeben, gezwungenermaßen. Es bedürfte meinerseits keinerlei Polemik, um dieses endlos fortlaufende und möglicherweise in ein spektakuläres Nichts zielende Getriebe als Rattenrennen zu desavourieren. Immerhin ist es Leben oder stellt sich streckenmäßig so dar. Besser noch als Tod. Keinerlei Makel, objektiv betrachtet, also aus der Sicht der Gegenstände mit ihrem Nichtbewußtsein heraus gesehen.
Nein, mich beschäftigt die bestürzende Tatsache, daß die Frage, was ein Ziel ist, ich seit der Pubertät nicht mehr befriedigend beantworten kann. Mittlerweile interessiert mich keine Antwort mehr. Kommt mir jemand mit Gottfried Benns Aussage, der Geist sei seiner Bestimmung oder Veranlagung nach bionegativ, nicke ich freundlich und unüberzeugt.
Ich habe oft genug Ziele simuliert, nur daß ich nicht wußte, daß ich simulierte, während ich es tat. Solches Vorgeben-als-ob scheint mir Kennzeichen des zivilisatorischen Lebens zu sein. Nur so können wir offenbar „gelesen“ und auch verstanden werden, jedenfalls mit Zuspruch und breiterer Anerkennung rechnen.
Was ein Ziel ist, weiß ich noch immer nicht. Ich sollte einem zustreben, das wurde mir versichert. Einem solchen zueilen zu wollen scheint ein Grundbeweis der Zurechnungsfähigkeit zu sein. Was aber, wenn ich gestehe, daß ich kein Ziel habe? Ich habe noch immer keins. Kein einziges würde mir gefallen, wenn es nicht so tun könnte, als sei es keines.
Großer Gott Wirklichkeit, das lädt ja zu sonstwas ein. Warum habe ich angefangen zu schreiben? Nun, ich fing an. Jetzt ist es geschehen. Schönes Leben mit Ausrufezeichen.
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