Wie ein Zopf geflochten wird

Kann man Kinder in guter Absicht mit Lügen beruhigen? Ja, das läßt sich versuchen. Gelingen wird es nicht. Worin bestände die gute Absicht? Ich höre, sie würden dadurch geschützt; das Unangenehme möge eine Zeitlang noch ferngehalten werden, die Wahrheit wäre zumutbar ab einem gewissen Alter, dann käme es zu einer Art Offenbarung. Wie soll die aussehen? Ich habe länger als irgend jemand sonst auf der Welt an den Weihnachtsmann geglaubt. Das ist kein literarischer Witz. Ich kenne also die Kraft des Glaubens. Doch mir wurde niemals weisgemacht, die Kinder brächte der Klapperstorch oder alle geliebten Menschen seien automatisch gut. Ich hielt mich selbst sogar für böse, weil ich meines Erachtens nicht gut genug war. Deshalb fürchtete ich den Weihnachtsmann, Jahr für Jahr. Die Jahreszeit, da sich das ereignete, nähert sich nun. Gott ist für mich der Weihnachtsmann, ohne jeden Humor. Deshalb kann ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: Stell dir vor, du bist Gott. Die Mystiker wissen ohnehin Bescheid. Ohne mich ist Gott nicht, sagte einer von ihnen. Ohne Gott bin ich nicht. Wir benötigen einander. Mir ist das vollkommen klar. Gott ist ein Wort mit vier Buchstaben und einer Bedeutung, die unauslotbar tief ist. Flach genommen kommt nur Unsinn dabei heraus. Spricht jemand über Gott, erkennt man schnell, auf welchem Niveau die Regung stattfindet. Das ist nicht verwunderlich. Wir alle kommen aus den Parolen, sie sind die Überbleibsel unverstandener Geschichten.


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