Ich komme gar nicht mehr aus dem Staunen. Sitze am Schreibtisch, es ist Vormittag, die Sonne zeigt sich kurz, ich lächle zurück. Dann gerät das Jahr 1964 in den Sinn, da wurde ich geboren. Ich rechne und bin überrascht, daß 2.025 minus 1.964 einundsechzig ergeben soll. Müßte es nicht 85 ergeben oder 78 oder 95? 1964 ist dermaßen lange her, daß man sich fragt (ich mich frage), ob es jene Zeit überhaupt gegeben haben kann. Was war denn damals los, was ist innerhalb der Differenz solcher Großzahlen geschehen? Doch – es gab all diese Jahre mit ihren Tagen und Stunden und Nächten, mit all dem, was sich innen und außen ereignet hat, im Menschen, am Menschen, um den Menschen herum und auch weit von ihm entfernt. Manche Jahre brachten entscheidend Neues (jeder Tag bringt unbemerkt) – ich beendete einen Karriereblödsinn, machte mich auf die Wanderschaft, siedelte nach Berlin, verliebte mich unsterblich, lernte fortlaufend zu leben. Ich spreche mit einem Gleichaltrigen, er sagt, er fühle sich nicht alt, es seien vielmehr die anderen, die einem zutrügen, daß man es sei – insbesondere die Jüngeren. Die sähen einen so an. Ja, mag sein. Zahlen beeindrucken mich wenig. Von mir aus könnten wir auch 2147 leben, dann wäre ich eben noch ein bißchen älter. Kommt ja nicht darauf an.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.