Hört auf diese Stadt

Als ich nach Berlin zog, war die geschundene Stadt für ein paar kurze Jahre noch jeder Aufmerksamkeit wert. Man sah die Wunden im Stadtkörper, identifizierte die Einschußlöcher aus den letzten Wochen und Tagen des letzten Krieges, lief mit zugeschnürter Kehle die Wege des Wissens entlang. Dann kam, was sie einen hype nannten, etwas ungesund Aufschießendes, Herdenhaftes: eine Stampede kommerzieller Ausschlachtung, Vermarktung und Entwürdigung, die Schändung dieses Körpers, befördert von Stadtmarketing und der Konsum-Ideologie von global village und lonely planet. Alles war space in den dummen Nullerjahren. Die Investoren fielen über die Stadt her, bis sie schrie. Sie schreit Nacht für Nacht. Tagsüber hört man fast nichts, da braust nur der ewige Verkehr.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hört auf diese Stadt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert