Ein Gedicht besteht aus Wörtern

Wortlisten scheinen etwas Pedantisches zu haben. Sie verwiesen auf eine gewisse Zwanghaftigkeit, wäre Vollzähligkeit angestrebt. Mir dienen sie der Ideenfindung und der Beschaffung innerer Bilder. Ein Attribut wie ‚ruchlos‘ erzeugt wie von selbst eine kurze Geschichte, das Portrait einer schattenhaften Figur, die wie der leibhaftige Schrecken durch die nächtlichen Straßen der Nebelstadt geistert und ihr Vernichtungswerk vollbringt. Oder einer jener smarten Schreibtischtäter, bleistiftdünner Oberlippenbart, mit einer Unterschrift den Untergang von Hunderten anordnend. Anschließend Opernbesuch. Durchaus filmisch betrachtet, auf Spannung angelegt, Schauplätze evozierend. Ich ergänze die Liste, weil mir das Freude bereitet. Man könnte auch sagen, ich fühle Wörter. Die Rapper führen Reimbücher, sie gehören zum Handwerk des Poeten. Der Reim macht noch kein Gedicht, das lernten wir als Kinder. Ein Onkel servierte zu den Familienfeiern Selbstgereimtes, das konnte dann so klingen: Wir sind hier heute zum Geburtstag versammelt, wollen fleißig speisen, damit nichts vergammelt. Ganz so gut war es nicht – er hatte Schwierigkeiten mit dem Metrum. Doch es fehlte etwas, wenn er nicht mit dem Besteck ans Glas schlug, sich erhob und um Aufmerksamkeit bat.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedicht besteht aus Wörtern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert