Die Teile und das Ganze

Wenn man zu schreiben beginnt und ambitioniert ist, denkt man, ein Text sei sonstwas. Immerhin doch etwas Bedeutsames, Großes, fast schon Unvergleichliches. Das Kunstwerk, das zu schaffen man sich bemüht, thront in einer Höhe gesicherter Unerreichbarkeit. So mißlingt das Streben und schlägt um in Enttäuschung. Vielleicht besteht das Versagen darin, sich zu einer erdachten Form einen Inhalt suchen zu wollen, irgendeinen Lebensinhalt; oder umgekehrt in der Hoffnung, eine Form würde sich von selbst finden, hielte man nur tapfer durch und schriebe sich den Inhalt aus dem Kopf und dem Herzen. Dann entsteht eine Prosa, mag sein: sympathischer Unbedarftheit, der auf dem literarischen Markt allerdings Platz eingeräumt wurde. Das Unbedarfte galt als frisch und authentisch. Solches geschieht, wenn zuvor die Manierismen vorherrschten und das Artifizielle als Kunst durchgeht. Scheitern an der Form, Scheitern am Inhalt, Scheitern nach Maßgabe der eigenen Ambitionen und den Verlockungen eines anzustrebenden Markterfolgs.

Mein eigenes Scheitern habe ich ins Monströse ausgedehnt und ausgekostet bis zuletzt. Wie von selbst gelangte ich an eine Lieblingsidee: die vom Autor ohne Werk. Denn an der Wirklichkeit werkeln wir alle herum und versuchen, Bilder der Welt zu formen – wenn auch unterschieden nach Umfang und Intensität solcher Poesie (Hervorbringung). Ich bin ein besessener Weltenbildner oder Bildwerker, in meinem Kopf geschieht wenig anderes. Dieses Werkeln und Bilden hört nicht auf, ich werde nicht fertig damit. Scheint ein Bild stimmig zu sein, berühigt sich mein Herz. Kurz darauf ergeht ein neuer Auftrag, von dem ich nicht weiß, woher er kommt. Jemand nannte es Ausdruckszwang. Damit läßt sich arbeiten. Denn vor dem Ausdruck steht der Eindruck. Das Leben, also sämtliches Geschehen, ist mir eindrücklich, und ich selbst bin mir beispielhaft nur hinsichtlich dessen, was ich wahrzunehmen vermag, wie ich es verarbeite und schließlich vielleicht auszudrücken verstehe.

Bilder und Ideen des Lebens in unserer Zeit – darum geht es. Hinzu treten Deutungsversuche, deren Scheitern die Späteren interessieren könnte. Das Scheitern ist wichtigster Bestandteil jeglicher Erfahrung und dem Gelingen vorgelagert wie eine Barriere. Sie dient dem Schutz der Wahrheit vor unbefugtem Zugriff. Eine Poesie oder eine Kunst ohne (wenigstens innere) Wahrheit ist mir nicht vorstellbar, sie glitte ab in Gefälligkeit, Belanglosigkeit und Kitsch. Sie schmerzte nicht, sie heilte nicht, sie wäre obsolet.

Auch dieser Text sollte wieder ein kurzer werden, nun gerät er etwas länger als hier üblich. Üblich sind mir die Fragmente. Fragmente eines eigenen Lebens in dieser Zeit. Dabei halte ich das menschliche Leben keineswegs für so fragmentarisiert, wie oft behauptet wird. Der Sinn für ein Ganzes ist in mir nicht zerstört worden, ich hege ihn wie von Anbeginn und verdanke ihn der Herkunft. Deshalb ist mir deutlich, wie sehr es für ein Menschenleben darum geht, einen oder sogar seinen Platz in der Welt zu finden, inmitten anderer Menschen oder etwas abseits von ihnen, um ein Angemessenes zu tun. Die Fragmente sind mir deshalb üblich und vertraut, da ich es gewohnt bin, vom Teil auf ein Ganzes zu schließen. Ein Platz für das Mosaiksteinchen wird sich schon finden im wandelbaren großen Bild des Lebens.

Im Alltag, der aus Erwerbsarbeit und allerlei Verrichtungen und Verpflichtungen besteht, läßt sich kaum zusammenhängend denken und spüren. Auch im Gespräch: man schlenzt einen Satz ins Feld des Gegenübers und erwartet den Gegen- oder Zusatz. Man muß die einzelnen Sätze mit Bedeutung aufladen, damit sie funken. So mag ein wenig Verständigung möglich sein, ein Ladungsaustausch zwischen Menschen, die einander bedürfen. Schlimm sind die, die einem Vorträge halten, schlimm man selbst, sofern man sich dabei erwischt. Der Weltenbildner will seine Werke präsentieren. Doch das Gegenüber ist selbst ein solcher und wehrt sich. Und schlimmer noch: nicht einmal schriftlich läßt sich ausreden. Erneut nur Fragmente, Beiträge zu einer unabschließbaren Idee des Ganzen.

Fragment und Totalität, Edition Suhrkamp 1984, herausgegeben von Lucien Dällenbach und Christiaan L. Hart Nibbrig – aus der Erinnerung gezogen wie ein Fundstück. Reflexionen zu Wahrnehmung und ästhetischer Erfahrung in der Moderne nebst ihres Anbaus, der sogenannten Postmoderne. Es ist nicht so, daß wir nicht wüßten. Solches Wissen hat uns müde gemacht, doch das Leben schreit und fordert uns heraus, läßt uns nicht zufrieden sein in aufgeklärter Abgeklärtheit.

Ein Text ist nicht sonstwas, sondern eine Mitteilung. Er kann auch Bekenntnis oder Geständnis sein, Klage oder Gebet, Hymne oder Verzichtserklärung (Kapitulation). Texte sind kleine Wesenheiten. Sie enthalten Leben und können Leben aktivieren. Sie sind Dauerstadien, darin den Samen ähnlich, die Zeiten überstehen in Latenz. Oder auch nicht. Ob ein Text was taugt, wird sich erweisen. Man darf nervös und ungeduldig werden hinsichtlich seines Wertes und dessen Bestätigung. Es ändert nichts. Man kann mit seinen Texten um sich werfen oder es lassen. Letzten Endes finden sie ihren Weg und erfüllen ihren Auftrag. Je ruhiger man sich werden läßt, desto tiefer sinkt solches Wissen ins bangende Herz.


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