Bildkritik

Läuft jemand vor mir her, ein Mann, maximal dreißig, behaarte Beine, Größe und Statur eines Tennisspielers, hat sich auf die rechte Wade ein Trinkgefäß tätowieren lassen, maßstabsgetreu, allerdings zweidimensional. Vielleicht auch eine Thermoskanne, wer weiß. Ich will der Sache nicht auf den Grund gehen. Erstaunliches geschieht und fällt ins Fach der Kulturanthropologie. Was macht das mit ihm, daß er mit einer Flasche auf der Wade durch die Straßen geht? Fällt das jemandem auf, bekommt er Zuspruch, erntet er Ablehnung, interessiert es wen? Aus der Bildzeichnung einer Flasche läßt sich nicht trinken. Dies ist keine Flasche, hätte einem Bildungsanspruch zufolge unter oder über der Darstellung stehen können. Andererseits stelle ich mir vor, ich wollte mich tätowieren lassen und wüßte nicht, welches Motiv zu mir paßt. Vielleicht stände eine Flasche vor mir und ich sagte dem Nadelstecher, sie sei mein Motiv. Aus der Situation und ihrem Sinn und Irrsinn heraus gewählt, einfallslos genial. Ein Übersprung in der Kultur endloser Bedeutungen und Bedeutungsbrechungen.


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