Auf dem First

Noch weht ein kalter Wind unter der Sonne. Die Amseln rascheln im Gebüsch und besingen am Ende des Tages den Tag. So auch ich. Während der Sonntagnachmittagsspaziergänge zeigen sich die Leute und sprechen über das Wetter und die besseren Aussichten. Noch überwiegt die Skepsis. Schnee an Ostern, alles schon dagewesen. Nur langsam und unmerklich weicht die Kälteverspannung aus Schultern und Nacken. In den Parks haben die Gärtner damit begonnen, die Bäume und Sträucher auszudünnen. Sauber geschichtet liegen die Äste abholbereit am Wegesrand. Die Krokusse stehen bunt und geöffnet wie Pokale auf den Verkehrsinseln. Ich bewundere sie jedes frische Jahr wieder und nicke ihnen auch zu. Hunde tollen herum und spielen kämpfen. Dominanz und Unterwerfung, klare Regeln. Entdeckung des Tages: Ich kann nicht trinken und gleichzeitig gehen. Man kann nicht stehen, ohne zu frieren. Auf dem Feld der Unendlichkeit verliere ich die kleinräumige Orientierung. Das Verhältnis von Standort und Perspektive stimmt jedesmal nicht, hat es den Anschein. Dort sind die Kirchen, hier das Flughafengebäude, gegenüber die Reihe der Wohnhäuser, die Keksfabrik. Aber mittendrin bin ich verloren und würde mich verlaufen, wenn schlagartig Wände aufgestellt würden wie in einem Labyrinth. Mache ich mich verständlich? Auf dem Feld fehlt das menschliche Maß. Ähnlich erging es mir nur auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Das können sie gut, die Erziehungsdiktaturen: den einzelnen kleiner machen als er ist. In der angrenzenden Hasenheide die Rückkehr zu Maß und Perspektive, wohltuend wie der Eintritt in eine Kulturlandschaft, nachdem man tagelang durch die Steppe geirrt ist, und sei sie technischer Natur. Die Ponys im Kleinzoo bewegen sich wieder, nachdem sie bei Frost stillstanden und sich nicht mehr regten. Drei Ponys nebeneinander, gemeinsam erstarrt, als müßten sie ein Denkmal bilden. Der Huf des einen Ponys berührte nur mit der Spitze den Boden. In dieser Stellung oder Haltung blieb er für Stunden. Pferde tun das bei Kälte mitunter, hatte man mir erklärt. Heute durften die kleinen Zoobesucher auf den geduldigen Ponys reiten. Das Hochlandrind entdeckte sein Temperament und tat einige Schritte mehr und warf seinen Kopf mit den mächtigen Hörnern hin und her. Der Pfau stand auf der Teerpappe des Stalldachs und zeigte lässig seine lange Schleppe. Jetzt ist dunkel und die Amsel ist verstummt.


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